Ein Platz für Röhren - Kurze Geschichte des Gitarrenverstärkers
"Nichts ersetzt die schiere Kraft und das Gefühl das du kriegst, wenn du vor deinem Verstärker stehst und auf deine Gitarre eindrischst"
James Hetfield
Seit der Pionierzeit der elektrischen Gitarre hat sich der Verstärker vom einfachen Kofferverstärker zu einem mit digitaler Technik vollgestopften Produkt entwickelt, dessen Bedienung oftmals eine Wissenschaft für sich ist. Der Impuls für diese Entwicklung entstammt der Tatsache, dass, anders als in Hifi-Technik, die Verstärker den Klang einer Gitarre nicht nur reproduzieren, sondern auch entscheidend mitgestalten sollen.
Umso erstaunlicher ist es also, dass jenseits digitaler Effekte und virtueller Verstärkersimulation, das Gros der Gitarristen immer noch auf ein längst veraltetes Bauteil schwört: Die Röhre war, ist und bleibt für Gitarristen maßgeblich. Verantwortlich dafür sind der warme Klang und das weiche Übersteuerungsverhalten, dass nach Meinung vieler Gitarristen nur eine Röhre produzieren kann. Zwar haben sich Transistorverstärker zu einem konkurrenzfähigen Produkt entwickelt, doch waren sie nie in der Lage die Röhre zu verdrängen.
Fender baut nicht nur Gitarren
Als Gitarrenhersteller wie Rickenbacker ihre ersten elektrischen Gitarren anboten, wurden sie im Paket mitsamt Verstärker angeboten, da sich eine eigenständige Verstärkerindustrie noch nicht entwickelt hatte. Da zu dieser Zeit Gitarristen meist hinter ihren Verstärkern saßen, waren die Regler auf der Rückseite angebracht.
Nach dem zweiten Weltkrieg schuf Leo Fender die modernen Gitarrenverstärker. Seine Geräte lieferten einen klaren, durchsetzungsfähigen Klang, mit der Neigung zur leichten Übersteuerung bei aufgedrehter Lautstärke, der viele Musiker der Fünfziger- und Sechzigerjahre ansprach. Der Fendersound wurde zu einem Standard, an dem sich andere Hersteller messen lassen mussten.
Marshall und der erste Rock-Verstärker
Zu Beginn der Sechzigerjahre verlagerte sich die Musikszene immer mehr nach Großbritannien. Die beliebten Fenderamps waren dort nur schwer erhältlich und zudem sehr teuer. Vox konnte mit dem AC 30 einen leistungsstarken Verstärker anbieten. Britische Bands wie die Shadows und die Beatles verhalfen Vox auch weltweit zu Erfolg. Ähnlich wie die von Fender, bestachen Verstärker von Vox durch ihren klaren Klang.
Doch schon bald sollte sich etwas Neues durchsetzen. Bereits in den Fünfzigerjahren hatten vor allem Bluesgitarristen mit den Klangmöglichkeiten übersteuerter Verstärker experimentiert. Viele Gitarristen entdeckten nun diese Möglichkeiten für sich. Auf der Suche nach einem wilderen, härteren Sound trafen Gitarristen wie Pete Townshend und Richie Blackmore auf Jim Marshall. Er baute einen Verstärker, der sich wesentlich weiter übersteuern ließ als die Konkurrenz und begründete damit den Rockamp schlechthin. Von Jimi Hendrix bis Led Zeppelin spielten alle großen Rockbands diese Verstärker.
Der Transistor schaut in die Röhre
In den Sechzigerjahren kamen auch die ersten Transistorverstärker auf. Sie galten als modern und wurden zuerst enthusiastisch aufgenommen. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass gerade im Bereich der Übersteuerung die Klangergebnisse unbefriedigend waren und in keiner Weise an den warmen und weichen Overdrive eines Röhrenverstärkers heranreichten. Diese Geräte verschwanden schnell wieder vom Markt und festigten durch ihren Misserfolg den Mythos der Röhre. Auch wenn es heute einige sehr gute Transistorverstärker gibt, konnte sich diese Technik bislang nicht durchsetzen.
Und heute?
In den Siebzigerjahren drängten immer mehr Hersteller auf den Markt. Die meisten bauten Röhrenverstärker und orientierten sich an den Vorbildern Fender und Marshall. Ähnlich wie bei der Gitarre selbst, war die Entwicklung des Verstärkers weitgehend abgeschlossen. Und so erstaunt es auch nicht, dass heute immer noch Marshall und Fender zu den erfolgreichsten Herstellern gehören, und viele der legendären Verstärker von damals werden heute als Reissue Modelle wieder angeboten.
Daniel König
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