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Randale im Rock 'n' Roll-Stil: Adventszeit in Mannheim 1956
Ganz und gar nicht beschaulich startete Mannheim 1956 in die Adventszeit: Im bunten Programm der damals noch zahlreichen Kinos stand für den 04.12. auch der Film "Rock Around The Clock / Außer Rand und Band" mit Bill Haley und seinen Kometen - und alles, was man bis dahin über die "Wirkung" dieses Filmes gehört hatte, deutete darauf hin, dass es für eine Arbeiterstadt wie Mannheim keine normale Filmvorführung im Capitol werden würde.
Die Öffentlichkeit war vorgewarnt: In Oslo, Manchester und London hatten die Erstaufführungen zu stundenlangen "rock 'n' roll-riots" geführt, die alle einem gleichen Muster folgten: Mit den ersten Klängen der Bill-Haley-Songs verwandelte sich das Kino in eine Aktionsfläche, die im Rhythmus der Musik auseinandergenommen und demoliert wurde. Nach der Räumung der Kinos durch starke Polizeikräfte ging es auf der Straße weiter. Im Freien wurde getanzt, der Verkehr blockiert, Busse und Personenwagen mit Fäusten rhythmisch bearbeitet. Hunderte Meter Schaufensterscheiben gingen zu Bruch.
Schon bevor der Film in Deutschland startete, setzte sich das solchermaßen ritualisierte Gemeinschaftserlebnis bei den Jugendlichen durch: In Frankfurt, Düsseldorf, Hildesheim, Köln und Osnabrück kam es in den ersten drei Septemberwochen zu oft mehrtägigen Auseinandersetzungen zwischen Hunderten oder Tausenden Jugendlichen und der Bereitschaftspolizei. Und Deutschlands Jugendliche stürmten die Kinos. Wie ein gefährlicher Virus grassierte der Film und mobilisierte die traditionellen gesellschaftlichen Immunsysteme:
"Familie, persönlicher Umgang, Kirche und Staat tun ihr Bestes, um es nicht zu einer Explosion kommen zu lassen. Wir meinen: noch ist nichts passiert. Aber noch ist es nicht zu spät, der R&B-Seuche entgegen zu steuern. Dafür sind wir verantwortlich"
notierte das Heidelberger Tagblatt kurz nach dem Kino-Start.
Im deutschen Herbst des Jahres 1956 wirkten Filme wie "Rock around the Clock" oder auch "Die Halbstarken" und "Entfesselte Jugend" als Katalysatoren: Sie bündelten die gesellschaftliche Problematik, versahen die Jugendlichen mit eingängigen Hymnen und ermutigten sie, ihre Befindlichkeiten öffentlich zu demonstrieren. Dies taten sie dann zur Genüge. Die Schlagzeile "Jugendliche randalieren im Rock 'n' Roll-Stil" wurde zum Dauerbrenner: Filmvorführungen lösten die oft mehrtägigen Krawalle in Bremen, Gelsenkirchen, Dortmund, Mannheim und Bielefeld aus. Beispielhaft dafür ist der Mannheimer Rock 'n' Roll-Krawall vom 4. Dezember 1956:
"Mehrere hundert Jugendliche ziehen vom alten Messplatz über die Kurpfalzbrücke in die Innenstadt, stürmen Cafes, Eisdielen und andere Lokale, zertrümmern die Inneneinrichtung, werfen Schaufensterscheiben ein, ziehen sich vor der anrückenden Polizei zurück und blockieren auf dem Luisenring mit zusammengeschobenen Fahrzeugen und Absperrgittern nahe gelegener Baustellen den Verkehr. Erst als auf der Neckarstadtseite immer mehr Polizeieinheiten konzentriert werden, löst sich die Menge der Jugendlichen auf und zieht sich zurück."
Der Mannheimer Krawall ist einer der letzten, der durch eine Filmvorführung hervorgerufen wurde - und er reiht sich ein in die Reihe jener Ausschreitungen, die vor der regionalen Öffentlichkeit lieber verborgen werden sollten: Weder der "Mannheimer Morgen", noch die beiden Heidelberger Tageszeitungen berichten über die Vorfälle, wohl aus Sorge, dass Nachahmungstäter den Krawall fortführen.
Dr. Horst Steffens
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